30.8-22.9 ÜberLEBEN. Usch Schüllenbach und Werner Köhne. Am Hawerkamp. Titanikhalle.
Über… erst einmal: Verstehen Sie mich nicht falsch.
Über ÜberLEBEN. Und über Flucht, Hunger, Krieg, Pandemien, Krankheit, dazu eine dicke Prise unmenschlicher Bürokratie. Abgehakt, abgehakt. Einen Stempel bitte! Dulden, prüfen, abschieben.
„a place to learn to be curious; a place to get lost; a place to explore the universe as our school and the Kunsthalle as one of its classrooms; a place where we decide what we want to learn; a place where being different is fine; a place to be contradictory and subversive; a place to question the present; a place to find sound traces; a place to initiate experiences and to develop habits of self-learning; a place to be infinite learners; a place where the word is understood as a plastic material, conversation as form and where the common is to learn and to teach.“ nicolás paris
Die Kunsthalle wird zum Klassenzimmer, zur Schule. Wobei man hofft, dass nicolás paris – der sich klein schreibt, vielleicht um nicht mit der Stadt verwechselt zu werden oder weil er nicht gerne große Angeber-Buchstaben benutzt oder weil jedes Office-Dokument so schön rot-wellig unterstrichen wird – wobei man also hofft, dass er nicht die deutschen Klassenzimmer und Schulen meint oder wenigstens andere Klassenzimmer oder Schulen. Vielleicht Privatschulen? Oder Burg Schreckenstein? Wobei… das auch eine Privatschule war, glaube ich.
Vielleicht ist Klassenzimmer auch nur eine Metapher für ein Ort, an dem wir wirklich bereit sind, anderen zuzuhören. Das wäre schön. Vielleicht, vielleicht?
„Nimm einen grünen Stift
Du hältst einen Wald zwischen deinen Fingern
Wie viele Flüsse passen in einen blauen Stift?“
nicolás paris
Also… wie auch immer. Das ist ein großartiger Dreizeiler. Alleine dafür hat sich der Besuch gelohnt. Wobei tatsächlich auch noch ein paar andere Kunst-Dinge in der Halle mich – wie sagt man? – etwas gelehrt, ne berührt haben, z.B „Blitz, Galaxie, Wirbelsturm, Strudel, Neuron“ ein kleines Kunst-Ding gleich am Eingang.
Ich finde es mal wieder super. Also dieses Mal wirklich. Sollte nicolás paris, nicolás paris klein geschrieben, noch einmal irgendwo was ausstellen, abstellen, hinbestellen, ich werde klatschen.
Ruppe Koselleck bewegt sich entlang einer Linie im öffentlichen Raum abgestellter To-Go-Becher von Coerde in Richtung Bahnhofsviertel, wo am Zielort, dem Foyer des cuba, eine narrative Installation heranwächst.
Entlang einer Linie aufgebrauchter und im öffentlichen Raum abgestellter To-Go-Becher bewegt sich Konzeptkünstler Ruppe Koselleck von der Müllkippe in Coerde, durch das Zentrum der Vorstadt quer durch das suburbane Randgebiet in Richtung zentrales Bahnhofsviertel. Hier erreicht Koselleck – bechersammelnderweise – schließlich das cuba, wo eine künstlerische Wegskizze als ein sinnlicher Sachschadensbericht zu einer narrativen Installation heranwächst.
Nicht domestiziert oder unter menschlicher Kontrolle ist das Wild, „Sauvage“. Die Hecke – Eibe – weniger. Hier gibt es den ordentlichen Schnitt.
Oder meint sie die Jogger? Jeden Morgen. Oft die Gleichen. Manchmal Neue mit schlechten Sohlen. Eine Runde, zwei Runden. Die Hecke triebt und wächst, nur ein bisschen, bleibt unter Kontrolle. Jeder einzelne Trieb.
Siah Armajani. Study garden. Garten Geologisches Institut. Skulptur Projekte 1987.
„Alles andere als Unkraut, aber…“ – ein Selbstgespräch.
Siah Armajani war ein iranischstämmiger, US-amerikanischer zeitgenössischer Bildhauer, Filmkünstler und Architekt. Er bezeichnete sich selbst als „public artist“, als einen Künstler, der für den öffentlichen Raum arbeitet. (Wikipedia)
„Er schafft […] eine Forschungsgelegenheit unter freiem Himmel. Studierende und Dozent:innen […] nutzen diesen am Nachmittag schattig gelegenen Ort an heißen Tagen gerne.“ (Skulptur-Projekte Archiv)
Ein drittes Mal treibt es dich die Vorstadt. Kunst gucken. Aber dieses Mal bist du nicht alleine, spontan haben sich Menschen mit dir verabredet. Später wirst du sagen: Sie waren alle sehr nett.
Dieses Mal sind echte Kuratoren in der Gruppe. Sie können die Oberfläche aufbrechen, das dicke Eis aufbohren, zum Kern des Artefakts hervordringen. Alle sind sehr froh, die Kuratoren zu haben. Sie waren auch sehr nett, wirst du später sagen.
Und weil alle so nett sind (und weil es sich lohnt), seid ihr auch lange unterwegs. Die Wegzehrung ein Witz und besorgt schaust du auf deine Fahrradbatterie. „Bald musst du selber strampeln, wenn noch viel kommt“, denkst du und siehst dich schon schwitzen. Aber es geht alles gut.
Am Ende wollen die Kuratoren wissen, was dir am Besten gefallen hat. Ist das hier ein Poetry Slam?, fragst du dich. Auf einem Poetry Slam hättest du jetzt Hippie-Sieg gerufen und es gäb viele erste Preise. Beim Kindergeburtstag kriegen sogar alle einen Preis. Nur erste Preise.
Es ist aber kein Poetry Slam und auch kein Kindergeburtstag versichern die Kuratoren der Gruppe. “Ach..Na dann.“ Am Ende entscheidest du dich. Auch weil alle so nett waren. Aber leicht war das nicht.
Ich lerne derweil niederländisch in het cursus online. Mijn oma krijgt in deze winkel altijd seniorenkorting. Meine Oma bekommt in diesem Laden immer Seniorenrabatt. Alle waren helemaal artig. Alle waren sehr nett.
16.6-29.9 Kunst am Rand. Anne Kückelhaus. Brückenschlag – disConnected : jumper/24. Münster-Kinderhaus.
(Kunst am Rand Nr 02 mit Sonne, aber zu heiß. Das Fahrrad quietscht und ich auch. Es ist traurig.)
Ich gehe gerne Spazieren. Das ist so ein Corona Ding. Meine Langzeitfolge. Erst gerade wieder. In Kinderhaus. Mit dem Rad.
Mitten in meiner Langzeitfolge komme ich an St. Josef vorbei. Glocken schlagen. Wie immer zu laut. Es ist sechs Uhr abends. Aus einer Seitenstraße: „Frederico? Miracoli“ Ich lache, klatsche mir auf die Schenkel. „Gut gelaunt. Lustig. Dein Kinderhaus“, denke ich.
Skulptur des "Heiligen Nepomuk" (1740/50) am Aasee Höhe Weseler Straße
Die Skulptur des „Heiligen Nepomuk“ (1740/50) am Aasee.
Kennst Du Wenzel IV aus Böhmen? Nein? Aber Ramsay Bolton aus Games of Thrones kennst Du? Genau, der Sadist, der seine Hunde auf Menschen hetzte, Gegner selbstständig folterte, und Stinker den Schwanz abschnitt.
Und Wenzel IV? Er war böhmischer König im 14 Jahrhundert und fast scheint es, als ob er das Vorbild für Ramsay Bolton abgab.
Und warum erzähle ich das? Am Aasee gibt es eine Statue, die „unser“ Schlaun entwarf, und den Brückenheiligen St. Nepomuk darstellt.
Die Performances, Bilder und Skulpturen des französischen Künstlers Ndayé Kouagou basieren immer auf Texten, deren Autor er ist. Auf poetische Weise nähert er sich Themen wie Identität, Individualität, Freiheit und Liebe.
Ich arbeite grundsätzlich mit Texten. Ich bezeichne mich als Schriftsteller, auch weil das gut klingt. Das was ich gerne tue, ist schreiben. Durch die Möglichkeiten, Performances zu machen, habe ich einen Weg gefunden, meinem Schreiben eine neue Form zu geben. Und am Ende haben sich dann auch Objekte und Skulpturen daraus entwickelt.
Ndayé Kouagou, gallerytalk.net 2020
Am Ende noch ein Urteil von meiner Seitenlinie. Inhalt und Performance. Die Ausstellung geht gut ins Auge – da wird es auch von Masse und Mob keine Klagen geben. Tut nicht weh. Inhaltlich haben mich die Wörter, Texte nicht mitgenommen – die ganze „Selbstbeschau“ ist gegenwärtig für mich Un-thema oder Un-sinn – aber die Performance fand ich super.
16.6-29.9 Kunst am Rand. Münster-Kinderhaus. Erster Versuch.
Euro24, Kinderhaus und das Geheimnis des Video-Video Kellers.
Kunst im Außenraum. Das ist nicht immer leicht. Sagen alle. Kunst-Guckende, Kunst-Schaffende, Kunst-Ermöglicher. Alle.
Du hast mal auf einen Ska-Punk Konzert Kurzgeschichten vorgelesen. Zwischen zwei Bands. Das Publikum hat deinen Auftritt genutzt, Bier zu holen. Nachher fragt dich einer, wie DU! denn drauf bist. „Dir ist ja gar nicht peinlich, sagt er. Du grinst. Doch schon.